Es passiert hin und wieder, da denkt man an seine Schulzeit zurück. So geht mir das natürlich auch. Ich denke durchweg gern an meine Schulzeit, war ein guter Schüler, bei Mitschülern und Lehrern durchweg beliebt und habe meinen Eltern niemals Sorgen bereitet. Nicht. Nein, Schule war so nicht meins. Kann ich heute so schreiben. Erstens, meinen Eltern war das eh klar, und mein Sohn hat die Schule inzwischen auch hinter sich.
Ich war wahrlich kein guter Schüler, konnte mich selten für Unterricht und erst recht Hausaufgaben begeistern. Meine Eltern haben sich wohl zu manchem Schuljahresende die Frage gestellt, was aus dem Jungen mal werden soll. Nun, so schlecht ist er nicht geraten. Finde ich. Hätte ja auch schlimmer kommen können. 😉
Schule und ich – das war keine so geniale Kombination. Wenngleich ich fairerweise aber auch sagen muss, dass ich gute Erinnerungen an meine Zeit auf der Realschule hatte, insbesondere die 9. und 10. Klasse. Mein morgendlicher Weg führte mich nach Hannover, an den Altenbekener Damm 81. Jeden Morgen betrat ich die Ludwig-Windthorst-Schule, eine Schule in katholischer Trägerschaft. Um die Frage vorweg zunehmen: Ja, die katholischen Feiertage galten auch für uns evangelischen Kinder.
Das ist aber nicht der Punkt. Aus heutiger Sicht habe ich den Eindruck, dass die Lehrerschaft seinerzeit schon besonders motiviert war, uns Kindern Lehrstoff beizubringen, uns auf die Zeit nach der LuWi vorzubereiten. Wir wurden gefördert und unterstützt. Wir konnten eine Schülerzeitung gründen, die wir auf den damals neuen C64ern produzierten und im Sekretariat dann vervielfältigten. Es gab auch Kochunterricht. Wie cool eine beschichtete Pfanne war, wurde mir dann später klar.
Lehrer aus Leidenschaft
Wenn ich an dieser Zeit denke, fallen mir einige meiner Lehrer ein. Herr Lott (Klassenlehrer – Deutsch), Herr Martin (Klassenlehrer – Mathe?), Herr Konieczny (Mathe, ich hoffe, ich habe ihn richtig geschrieben, es ist so lange her) – und Herr Heeren. Deutschlehrer Klasse 9 und 10. Aus heutiger Sicht und Erinnerung war er kein klassischer Pauker, wie man sie aus alten Filmen kennt. Er war Lehrer, und das mit Leidenschaft. Er wollte nicht einfach Lehrstoff vermitteln. Er wollte uns bilden. Wollte uns Kultur außerhalb des Klassenzimmers zeigen und ist mit uns ins Theater, Kabarett, Oper usw. gegangen. Wir haben die Stücke im Unterricht vorbereitet und er hat von vornherein gesagt: „Wir schreiben darüber keine Klassenarbeit. Das ist für Euch, damit Ihr diese Kultur auch einmal kennenlernt und Euch eine Meinung dazu bilden könnt.“
Zu Peter Herren muss man wissen, er liebte den Schlabberlook, vollbärtig, mit schwarzen, lockigen und leicht zerzausten Haaren, ein paar Kilo zu viel auf den Rippen. Immer ein Lächeln im Gesicht, ein freundlicher Mensch, dem man anmerkte, seine Schüler sind ihm wichtig. Als die Oper auf dem Programm stand, meinte er noch zu uns: „Oper ist etwas Besonderes, zieht Euch ordentlich an.“ Klang etwas konträr, wenn man sein Äußeres vor Augen hatte. Aber ja, eines Abends traf sich die Klasse 9e vorm Opernhaus in Hannover, wir alle nach besten Wissen und Gewissen (und elterlicher Unterstützung) in spannender Erwartung der Aufführung – und natürlich unseres Deutschlehrers.
Der dann seinen „Auftritt“ hatte. Manchem von uns fiel die Kinnlade herunter, wir hatten zwar schon erwartet, dass er anders als im Unterricht erscheinen würde, aber nicht so. Da stand unser Deutschlehrer vor uns, von Kopf bis Fuß herausgeputzt im Smoking, wie sich das für eine Oper gehört. Inklusive ordentlicher Haare und blitzblank geputzten Schuhen. Dieser Mann war eine elegante Erscheinung. Er hätte jetzt auch ein Professor sein können. Wir waren tief beeindruckt.
Herr Heeren war auch ein gutmütiger Mensch. Leider haben das einige meiner Klassenkameraden versucht auszunutzen. Da wurde es laut in der Klasse. Sehr laut. Das kannten wir so nicht und das saß. Er war aber nicht nachtragend. Er wusste genau, wenn man ihn beschwindelte, und normalerweise nahm er einem das auch nicht übel, Ausnahme siehe oben.
Wenn der Schüler sich selbst beim Schwindeln überführt
Ich hatte mit ihm auch mal einen „Zwischenfall“. Es stand ein Aufsatz an, ich weiß nicht mehr was es war, möglicherweise sollten wir eine Interpretation schreiben und hatten das Thema „Interpretation“ auch im Unterricht behandelt und noch eine Hausaufgabe dazu bekommen. Es war ein Samstag, normalerweise eine Doppelstunde Deutsch, dann eine Doppelstunde Mathe. Herr Heeren hatte sich „netterweise“ vom Kollegen die Doppelstunde dazu geborgt, um diesen Aufsatz in Ruhe schreiben lassen zu können. Was ihm Gelegenheit gab, genug Zeit zu haben, noch schnell eine Hausaufgabenkontrolle zu machen.

Ähm, aus „Gründen“ hatte ich die Hausaufgaben nicht, setzte meine Unschuldsmiene auf und meinte, „Herr Heeren, es tut mir leid, ich habe das nicht verstanden.“ Er schaute mich nur wortlos an, sein Blick war irgendetwas zwischen „Armer Junge, Du weißt schon, dass wir jetzt eine Arbeit schreiben?“ und „Ich glaube Dir kein Wort“. So schreiben wir dann drauflos und ein paar Tage später gab es dann die Arbeiten (noch im echten Heft, nix lose Blattsammlung im Schnellhefter) zurück. Er reichte mir dann mein Heft und sein Lächeln hatte etwas Schelmisches und auch eine Spur von „erwischt“. Ich schlug das Heft auf und unter meinem Absatz sah ich dann nur erstmal ganz viel rot und mir schwante (irgendwie zu Recht) schlimmes. Dort stand Folgendes:
„Lieber Christian, bitte behaupte bei fehlenden Hausaufgaben nicht noch einmal, Du hättest die Aufgabe nicht verstanden.“ Dahinter hatte er ein Smiley gemalt. Unter dem Absatz fand sich dann die Note für die Arbeit: 1. Ich schaute hoch, er war schon ein paar Plätze weiter, blickte aber in meine Richtung und grinste mir wohlwollend zu.
Lieber Peter Heeren, auch wenn Sie diese Zeilen nicht mehr lesen können, dennoch der verzweifelte Versuch einer Erklärung: Wir hatten Sommer. Und für mich als gebürtiges Küstenkind bedeutete das: Nach der Schule geht es auf den Maschsee zum Segeln. Nachdem ich dann wieder daheim war und die anderen Hausaufgaben erledigt hatte, war einfach für Deutsch keine Zeit mehr. Ich musste da Prioritäten setzen…..
Danke sagen, solange es möglich ist
Warum schreibe ich diese Zeilen? Man begegnet im Laufe seines Lebens vielen Menschen. Bei einigen dieser Menschen erwacht der Wunsch, ihnen einfach einmal Danke zu sagen, für die Zeit, Hilfe, was auch immer. Ich bin nun Mitte 50 und dadurch bedingt werden die Möglichkeiten, Menschen aus seiner Jugend eben dieses „Danke“ zu sagen, schwierig bis unmöglich.
Peter Heeren ist so ein Mensch. Vor längerer Zeit hatte ich Kontakt zu meiner alten Schule, die ich, und das möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich erwähnen, in guter Erinnerung habe. Zu dem Zeitpunkt war er leider nicht mehr unter uns. Eine verpasste Chance, die nicht wieder kommt. Wir sollten das im Hinterkopf haben, die Zeit läuft. Wenn es in unserem Leben einen Menschen gibt, dem wir vielleicht etwas sagen wollen, dann sollten wir das in dem Moment tun, in dem es uns in den Sinn kommt. Und nicht vor uns her schieben. Denn irgendwann ist der Zeitpunkt verpasst.
Daher posthum: Lieber Peter Heeren, danke für die zwei Jahre Unterricht, danke für den Anstupser, rechts und links des Weges zu schauen und letztlich auch neugierig zu sein. Danke, dass für Sie Lehrer zu sein nicht ein Beruf war, sondern eine Berufung.
Epilog
Dieser Text liegt seit fast genau zwei Jahren in meinem Blog mit Status „Entwurf“. Warum ich ihn damals nicht veröffentlicht habe – ich weiß es einfach nicht mehr. Irgendetwas hat mich davon abgehalten. Warum dann jetzt? In den letzten Tagen musste ich, auch aus nicht nachvollziehbaren Gründen, wieder an meine Schulzeit, an Peter Heeren und eben diesen Text denken, der im Dornröschenschlaf lag.
Ein Text, der für einen Außenstehenden nur eine Geschichte eines einzelnen Menschen ist. Für mich bedeutet dieser Text inzwischen aber sehr viel. Vielleicht auch, weil sich unsere Gesellschaft in den letzten Jahren, verändert hat. Das nicht immer zum Guten.
Möglicherweise aber auch aufgrund eines Gesprächs, das ich vergangene Woche führte, in dem die Schulzeit kurz angerissen wurde. Eine Zeit, in der wir glauben alles zu wissen, vor allem alles besser zu wissen als unsere Altvorderen, und in Wirklichkeit genau keine Ahnung haben. Lebenserfahrung ist ein Geschenk, mit dem wir Dinge neu zu bewerten und zu wertschätzen wissen. Diese Geschichte ist genau das: Die Wertschätzung eines Menschen, dem ich das gern „Danke“ gesagt hätte, nun nicht mehr kann. Wertschätzung und auch Respekt ist etwas, dass in der aktuellen Zeit immer mehr zur Mangelware zu werden scheint. Wir sollten uns daran wieder erinnern – und zum Ausdruck bringen.
Ich hoffe, ich bekomme das hin, also das mit dem dokumentieren vom Märklinfieber. Der Club hier in Schleswig fährt dankenswerterweise…